Interview für das Kanu-Magazin

Nachdem meine alten Filme „Family Mad“, „Over the Edge“, „Verdon – Die Schlucht gestern und heute“ oder „Topo-Treffen“ jetzt wieder auf DVD erschienen sind, interessiert sich auch die Kajak-Szene wieder für diesen Teil meines Lebens. Da das Interview schriftlich geführt wurde und voraussichtlich auf etwa die Hälfte der Zeichen gekürzt wird, stelle ich es hier im Blog ungekürzt online:

Interview

  • In deiner Heimat Bayern bezeichnet man Kerle wie dich als „Wilden Hund“! Du hast Weltrekorde im Bungee-Springen aufgestellt, dich mehr als 1000 Mal am Fallschirm in die Tiefe gestürzt und etwa eine halbe Million Kilometer auf dem Sitz deines Motorrads verbracht. Aber es gibt einen Sport, der dich nicht loslässt – das Kajakfahren! Was fesselt dich so sehr daran?

Jochen Schweizer: Früher das extreme Wildwasserpaddeln, der harte Sport, wie beispielsweise die Erstbefahrung des obersten Travo auf Korsika mit Wolfi Geiss und Peter Lintner. In diesen Flussabschnitt musste man die Boote mühsam hineintragen und er beginnt mit einem mächtigen Wasserfall. Heute fasziniert mich am Kajakfahren die Stille und das Naturerlebnis, wenn ich zum Beispiel in Norwegen mit dem Seekayak in der Inselwelt von Soerlandet unterwegs bin.

  • Das Wildwasserpaddeln scheint der Ursprung für deine Karriere zunächst als Stuntman und später als erfolgreicher Geschäftsmann im Vermarkten von persönlichen Erlebnissen zu sein. Was löste das extreme Kajakfahren neben rauschhaften Emotionen und hin und wieder schmerzhaften Erfahrungen bei dir aus?

JS: Dieser Sport bietet alles und fordert alles: Den Kameraden aber auch den Einzelkämpfer, die Stille und die Wildheit, die Gefahr und die Schönheit. Gleichzeitig muss man viele Fertigkeiten entwickeln, nicht nur im Boot. So muss man zum Beispiel die für eine Expedition erforderliche Logistik planen können, sich in eine Gruppe von Individualisten integrieren und das Gefahrenmanagement beherrschen, wenn beispielsweise ein Kamerad in Lebensgefahr ist und blitzschnell entschlossen gehandelt werden muss.

  • Deine beiden Söhne fahren Kajak. Du sagst: „Das gehört zur Grundausbildung dazu, die Väter ihren Söhnen mitgeben müssen: Fische fangen, Feuer machen, Kajak fahren!“ Das klingt nach sehr archaischer Erziehung?

JS: Kinder verbringen heutzutage sehr viel Zeit drinnen: In der Schule, am Computer, vor dem Fernseher. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass um uns herum Natur ist, dass wir ohne Natur gar nicht leben können. Das müssen wir lernen. Und das versuche ich meinen Söhnen unter anderem durch das Kajak zu vermitteln.

  • Was sollen deine Kinder durchs Paddeln lernen?

JS: Freude an der Natur, wie man sich in ihr bewegt und mit ihr verantwortungsvoll umgeht. Am Bach oder auf dem Meer bin ich ausgesetzt – und ich bemerke die Spuren, die ich oder andere dort hinterlassen. Das schafft ein sensibles Bewusstsein. Das Ausgesetztsein führt auch zu einer klaren Wahrnehmung potentieller Gefahren – und entweder dazu, dass man sie vermeidet oder sie bewusst akzeptiert.

  • In den 80er Jahren hast Du zusammen mit Freunden einige bemerkenswerte Kajakfilme gedreht, darunter den immer noch sehenswerten  Streifen „Family Mad“. Aber nach kurzer Zeit war wieder Schluss mit der Filmkarriere. Warum?

JS: Es war eine schöne, abenteuerliche Zeit aber es sind dann andere Dinge für mich wichtiger geworden. Zum Beispiel die Entwicklung des Bungee-Springens.

  • Du hast Bungee-Springen erfolgreich nach Deutschland gebracht. Die moderne Form einer urtümlichen Mutprobe aus dem Südseeparadies Vanuatu. Hast Du diese Männervariante selbst einmal ausprobiert?

JS: Ich war zum Nangol dort. So heißt das Ritual der Einheimischen auf Pentecost. Gesprungen bin ich aber nicht – ich war eine Art Staatsgast auf Einladung des Tourismusministeriums und das hätte einfach nicht gepasst.

  • An den Füßen ein Gummiseil und darunter nur gähnende Leere. Dasselbe Gefühl wie an der Abbruchkante eines Wasserfalls?

JS: Nein. Wenn man auf die Abbruchkante eines Wasserfalls zu paddelt, ist das ein sehr aktiver Moment. Meistens gibt man Vollgas und will einen bestimmten Punkt treffen. Der Moment vor dem Absprung kann hingegen sehr kontemplativ sein, wenn man ruhig dasteht und über die Fußspitzen in die Tiefe schaut. Dann kommt die Anspannung, der Absprung, die Hingabe. Beim Wasserfall taucht man unten auf und bewältigt entweder noch eine Blockpassage oder paddelt ins nächste Kehrwasser. Aber spätestens dort fühlt man das Gleiche was man fühlt, wenn man nach einem Sprung wieder festen Boden unter den Füßen hat: Freude. Manchmal auch Euphorie und – selten, wenn es knapp war – auch Dankbarkeit, dass es sich wieder einmal ausgegangen ist.

  • Du hast jahrelang hart trainiert, um in der Randsportart Wildwasserpaddeln zu den Besten zu gehören. Dann bist Du für den Willy-Bogner-Film „Fire, Ice & Dynamite“ an einem 220 Meter langen Bungeeseil die Verzasca-Staumauer im Tessin hinunter gesprungen und warst auf einen Schlag für eine breite Masse ein Held. Was hat dich diese Erfahrung gelehrt?

JS: Ich war überrascht. Kajakfahren in seiner extremsten Form ist eine hohe Kunst, die an die Athleten allerhöchste Anforderungen stellt. Sie verlangt hartes Training. An das Bungeeseil hätten wir jeden X-Beliebigen binden können, solange er ein bisschen Schneid gehabt und mir vertraut hätte. Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, dass es hinsichtlich der Außenwirkung nicht um die objektive Leistung geht, sondern um das, was der Zuschauer versteht. Und für den war der 150-Meter-Freifall an der Mauer entlang eben einfach der Wahnsinn.

  • Mit Beginn deiner „Bungee-Ära“ war auch der Extrempaddler Jochen Schweizer Geschichte. Konntest Du das Paddeln einfach hinter dir lassen?

JS: Es sind andere Dinge in den Vordergrund getreten, aber ich fühle mich immer noch als Kanute. Im letzten Herbst hatte Olaf Obsommer auf dem Rosenheimer Kajakfilmfest „Family Mad“ gezeigt. Hinter mir saß eine Gruppe junger Paddler, die noch nicht einmal geboren waren, als wir die wilden Sachen gefilmt hatten. Sie waren richtig begeistert. Als sie meinen Namen im Abspann lasen, diskutiert sie, ob das etwa DER Jochen Schweizer war, der im Film gepaddelt ist. Sie kannten meinen Namen ohne zu wissen, dass ich einer von ihnen bin. Das hat mich sehr berührt.

  • Im Rückblick auf deine Kanukarriere: Hattest Du deine sportlichen und persönlichen Ziele erreicht?

JS: Ja, ich habe alles gemacht, was ich machen wollte: Wuchtige Flüsse, wie die mittlere Ötz bei uns oder der Colorado in den USA; technisch anspruchsvolle Bäche wie der Travo auf Korsika oder der San Bernardino im Tessin. Ich habe zeitweise am Bach gelebt, viele einsame Schluchten erkundet und weite Reisen unternommen. Es ist irgendwie nichts offen geblieben.

  • Welche Höhepunkte werden dir immer in Erinnerung bleiben?

JS: Meine erste geglückte Eskimorolle als 15-Jähriger auf der unteren Ötztaler Ache, nachdem es mich in einer Walze überschlagen hatte. Keiner hatte es gesehen weil ich als Letzter der Gruppe fuhr. Ich werde das nie vergessen. Damals dachte ich: Ab heute schwimmst du nie wieder. Das ist mir in den folgenden 37 Jahren – fast – gelungen.

  • Du vermarktest Erlebnisgeschenke, kalkulierbare Abenteuer. Wo hattest Du für dich vor etwa 20 Jahren deine persönlichen Grenzen im extremen Kajakfahren veranschlagt?

JS: Dort zu fahren, wo nur ganz wenige unterwegs waren. Oder wo noch nie jemand zuvor gefahren war. Insbesondere mächtige Walzen hatten es mir angetan, wie beispielsweise die Eingangswalze in den Lava Falls des Grand Canyon.

  • Wie beurteilst Du die aktuelle Entwicklung im Extrembereich des Kajaksports. Wasserfälle zwischen 20 und 30 Meter sind Standard bei Topathleten. Der Weltrekord liegt bei unglaublichen 56 Metern!

JS: Es ist erstaunlich, was die Burschen zeigen. Respekt! Aus solchen Höhen wird man unglaublich schnell und schlägt unten mächtig ein – da gehört schon viel Vertrauen in die korrekte Einschätzung des Unterwassers dazu.

  • Mal ehrlich, hättest du zu deiner aktiven Zeit eine solche Fortentwicklung für möglich gehalten?

JS: Nein. Allerdings wäre das mit den damaligen Booten auch nicht möglich gewesen. Wir fuhren anfangs noch mit laminierten, vier Meter langen Polyesterbooten und kleiner Sitzluke. Erst als wir kürzere Boote mitentwickelten, wie etwa das Topolino oder der Gattino, wurde in Verbindung mit der HTP-Produktion eine Weiterentwicklung angestoßen.

  • Du sagst: „Grenzen gibt’s nicht nur im Kopf. Auch die Natur kann dir ganz schön zu schaffen machen. Beides lässt sich überwinden, wenn Du dich überwindest.“ Ist es so einfach?

JS: Nein. Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Wenn man permanent am Limit paddelt, kann es passieren, dass irgendwann die Natur einen überwindet. Ich bin in einer solchen Situation mit einem zerstörten Knie und einem fast abgerissenen Unterschenkel im Mai 1984 nur sehr knapp davon gekommen. Der Unfall passierte am 24.Mai auf der Sesia bei sehr hohem Wasserstand. In einem wuchtigen Abfall blieb ich unter Wasser senkrecht stecken und hatte einen unglaublichen Wasserdruck im Rücken, der mich mit dem Hintern ins Boot und den Oberkörper nach vorne drückte. Ich saß in einem Canyon 400 mit kleiner Sitzluke. So ein vertical Pin ist eigentlich tödlich, das wusste ich sofort. Und auch, dass mir nicht viel Zeit bleibt. Ich zog mein rechtes Bein an, bekam das Knie aus der Luke, mit dem linken stützte ich mich mit ganzer Kraft gegen das Stemmbrett. Dann rollte ich mich nach vorne aus dem Boot und brach mir dabei das linke Knie gegen die Anatomie frontal durch. Gleiches mit dem rechten Unterschenkel, aber das war gegen das abgerissene Knie nur ein Kratzer. Ich werde nie das peitschenartige Reißen aller Bänder vergessen, als das Knie endlich nachgab und ich aus dem Boot kommen konnte. Als ich nach Monaten wieder laufen konnte, habe ich lange gebraucht, diese Erfahrung in meinem Kopf zu überwinden.

  • Zurück in den Alltag: Wie oft schaffst Du es neben deiner Arbeit ins Kajak?

JS: Ziemlich oft. Im Sommer mehrmals in der Woche. Ich genieße diesen Ausgleich zu meiner Arbeit. Im Kajak verfliegt der Stress und ich werde ruhig.

  • Früher haben dich Herausforderung, Wettkampf und Adrenalin ins Wildwasserkajak getrieben, heute suchst Du Ruhe und Entspannung in einem 30 Jahre alten Mahagoni-Rennkajak. Ist das der Lauf der Zeit?

JS: Vielleicht ja. Ich paddle oft in meinem alten Lancer später am Abend an der Regattastrecke in Oberschleißheim, in Stille und auf spiegelglattem Wasser. Ich fahre ein modernes Wingpaddel. Diese schwingende, ruhige, kraftvolle Bewegung ist wie eine dynamische und intensive Form der Meditation. Der Kopf beruhigt sich, wird frei, und irgendwie ist das ein Gefühl wie nach Hause kommen. Wenn ich mein Boot aufs Wasser lege, einsteige und nach zehn oder 20 Schlägen diese Ruhe einkehrt, dann ist einfach alles gut.

  • Jochen Schweizer, 1957 in Heidelberg geboren, zählte in den 80er Jahren zu den bekanntesten Paddlern in der WW-Szene. Sein Film „Family Mad“ genießt Kultstatus. Jochen Schweizer drehte mit Willy Bogner Actionfilme und brachte kommerzielles Bungee-Springen nach Deutschland. Heute führt Jochen Schweizer ein Unternehmen mit 300 festangestellten und freiberuflichen Mitarbeitern. Die Jochen Schweizer Unternehmensgruppe realisiert weltweit Erlebnisse der besonderen Art. Dazu zählen die über 900 individuellen Erlebnisse auf dem Erlebnisgeschenke-Portal www.jochen-schweizer.de, spektakuläre Inszenierungen und die Entwicklung neuer Erlebnisse. Seine Leidenschaft zum Kajaksport hat sich Jochen Schweizer erhalten.

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